Der Wunder gedenken! Besinnung zum Osterfest über Psalm
111,4 am 12.04.01.
Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der
gnädige und barmherzige Herr.
Was haben wir im Gedächtnis behalten, wenn wir zurückdenken? Was macht den Grund unseres Lebens aus? Sind es gute Erfahrungen, Erinnerungen an Bewahrung, an Geliebt- Sein, an überraschende Wendungen mit hoffnungsvollen Perspektiven?
Oder herrscht das Düstere, Bedrückende vor? Erinnern wir uns vorwiegend daran, abgelehnt worden zu sein, Leidvolles erfahren oder uns in einer Sackgasse verfangen zu haben? Hat es keine Wunder in unserem Leben gegeben?
„Gott hat ein Gedächtnis seiner Wunder gestiftet“ – heißt es in unserem Text.
Mit dem Osterfest feiern wir dieses Gedächtnis. Wir feiern die Erinnerung unserer Kirche, dass in der Gestalt Jesu das erneuerte Leben den Sieg davonträgt. Tod und Gewalt haben nicht das letzte Wort behalten. Christus ist auferstanden: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“ „Gott ist ein Gott des Lebens und nicht des Todes“!
Die Feier unseres Osterfestes geht zurück auf das jüdische Passahfest. Mit diesem Fest feiern die Juden die Erinnerung daran , dass Gott einst das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt – aus dem Sklavenhaus befreit hat. Gott will nicht die Knechtschaft der Menschen. Er will, dass wir in Freiheit leben können. Die Erinnerung an das Wunder der Befreiung aus Unterdrückung und Gewalt hat das Volk Israel im Laufe seiner langen und wechselvollen Geschichte bewahrt. Sie hat ihm die Kraft gegeben, auch in den schlimmsten Zeiten der Verfolgung und Erniedrigung die Hoffnung nicht fahren zu lassen, sondern sich auf den Tag der Befreiung auszustrecken und dafür zu kämpfen.
In der Erinnerung an unser eigenes Leben mag es keine herausragenden Ereignisse der Rettung oder der Erneuerung geben. Dennoch gab es Erlebnisse und Erfahrungen, die uns beglückt und vorangebracht haben. Wenn ich an mein eigenes Leben denke, erinnere ich, dass bei allem Schweren oder Notvollen auch das andere dabei war: ein überraschendes Erlebnis von Hilfe , Menschen , die in mein Leben hineinkamen und mir neue Anstöße und Perspektiven eröffneten. „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“ sagt der Dichter Hölderlin .
Ob wir das Gute – das Rettende – wahrnehmen und erkennen, hängt m.E. damit zusammen, von welcher Grundhaltung her wir leben. Man kann ja so leben, dass man sich das eigene Unglück immer wieder bestätigen lässt . Wie oft höre ich das, dass Menschen mir von ihrem Unglück erzählen und dabei lückenlos aufzählen können, was alles an Not, Niederlagen, oder
Pech sie erlebt haben. Die Erinnerung an Gutes findet nicht statt.
Wir können uns aber auch von der kollektiven Erinnerung daran ausrichten lassen, dass Gott ein Gott des Lebens und der Befreiung ist. Wir werden von daher auf die Wendungen in unserem Leben aufmerksam, die unser Leben geöffnet und vorangebracht haben. Und so werden wir uns weiterhin dem Gott des Lebens anvertrauen: So wie in jedem Frühjahr neues Leben aus erstarrten Zweigen heraussprosst , die schönsten Blüten und neue Frucht hervorbringt, so ist von Gott her unser Leben dazu bestimmt, zu neuen Möglichkeiten aufzubrechen und seine Frucht zu bringen.