Ein neuer Himmel, eine neue Erde – Besinnung zum Totensonntag über Jesaja 65,17-25

 

Der Totensonntag, an dem wir unserer  Verstorbenen gedenken, trägt nach dem Kalender unserer Kirche den Namen „Ewigkeitssonntag“.  Damit soll gesagt sein: Der Tod hat nicht das letzte Wort.  Leben und Sterben sind umfangen von der Ewigkeit Gottes.

Als Menschen unserer aufgeklärten Zeit haben wir Schwierigkeiten damit, was wir uns unter der „Ewigkeit“ Gottes vorstellen sollen. Ist hier ein Leben nach dem Tod gemeint, in dem wir sogar unsere Lieben, deren Tod wir betrauern, wiedersehen werden?

 

Der Text aus dem Propheten Jesaja  verheißt uns „einen neuen Himmel und eine neue Erde“. Die Zukunft unserer irdischen Welt wird sich so erneuern, dass man „der vorigen nicht mehr gedenken wird“. Nicht mehr Leid und Klage werden die Menschen niederdrücken, sondern die Freude über das, was Gott schafft, wird allenthalben sein.

Im Fortlauf des Textes wird sehr irdisch beschrieben, worin die Erneuerung der Welt bestehen soll:

-         Die Menschen werden keinen frühen Tod mehr sterben, sondern sie werden sich eines langen erfüllten Lebens bis ins hohe Alter erfreuen.

-         Die Menschen werden gesichert wohnen. Sie werden sich der Frucht ihrer Arbeit und Mühe freuen können.

-         „Wolf und Schaf werden nebeneinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen“. Dies ein Bild dafür, dass die Gewalt auf Erden ein Ende haben wird. Es wird keine Bosheit, keine Unterdrückung des Schwächeren durch den Stärkeren mehr geben.  Es wird Frieden sein.

 

Mich bewegt dieser Text, weil er die für mich ungreifbare – unfassbare „Ewigkeit“ als „Zukunft Gottes“ sieht, als Zukunft, die uns nicht aus dieser Welt herausführt, sondern in sie hineinstellt – und das so, dass wir uns nicht abfinden mit dem, was ist, sondern offen bleiben für das , was noch werden kann und soll.

Es gibt vermutlich schon einen Tod vor dem Sterben. Vom Tod umfangen sind wir , wenn wir nichts mehr für uns und unsere Welt erwarten, wenn sich unser Leben nur noch von Tag zu Tag dahinschleppt, wenn wir alles schon wissen, alles schon kennen und alles Neue nur als Störung oder Gefahr unseres gesicherten Lebens fürchten.

 

Die Worte des Propheten richteten sich ursprünglich an das Volk Israel, an das Volk der Juden. Sie lebten unter äußerst bedrückenden Verhältnissen. Sie waren der Macht und Willkür eines übermächtigen  Herrschervolkes ausgesetzt. Die Verheißung des neuen Himmel und der neuen Erde aber hielt sie am Leben. Es wird nicht immer Nacht bleiben. Der Tag wird kommen und das Leben erneuern. Das Leben wird stärker sein als der Tod. Die Freude wird über Trauer und Leid triumphieren. Und der Friede wird der Gewalt ein Ende setzen.

 

Brauchen auch wir eine solche Verheißung, um am Leben zu bleiben?

Man könnte sagen: Wir leben ja nicht unter bedrückenden Verhältnissen , leben nicht in der Verbannung. Wir leben in einem noch nie da gewesenen Wohlstand. Unser Leben ist weitgehend gesichert. Wir genießen die Freiheit, hier und dorthin zu reisen. Dank des medizinischen Fortschritts können wir uns in der Regel eines langen Lebens bis ins hohe Alter hinein erfreuen. Ist etwa der „neue Himmel und die neue Erde“ schon Wirklichkeit geworden? Sicherlich nicht!  Wenn wir über unseren eigenen Lebenskreis hinaussehen, -etwa über die Grenzen des eigenen Landes hinaus – aber manchmal genügt auch schon ein Blick vor die eigene Haustür – dann lässt sich erkennen, wie sehr wir noch in der alten Welt

der Tränen, des frühen Todes,  der Ungerechtigkeit und der Gewalt leben.

 

Der neue Himmel und die neue Erde will Gott schaffen wird, d.h . die Verheißung gilt nicht nur für die Minderheit der Reichen und Glücklichen , sondern sie gilt letztlich allen Menschen.  Sie meint auch nicht sosehr den Wohlstand, den wir uns selbst erwerben, sondern das Gelingen von Gerechtigkeit und Frieden über unsere eigenen Bedürfnisse und Grenzen hinaus. Wieweit haben wir Anteil an dem Leid und der Hoffnung anderer Menschen oder Völker?

Letztlich geht es, denke ich darum, dass unser Leben eine Richtung bekommt – weg von den nur eigenen Bedürfnissen und ihrer Befriedigung  - hin zu Menschen, denen Unrecht widerfährt, die Opfer der Gewalt , des Hasses und der Ungerechtigkeit werden.

Überall dort, wo Menschen in Lichterketten gegen Hass und Gewalt demonstrieren, wo Menschen sich in Gruppen oder Initiativen für gerechtere Verhältnisse einsetzen,  bezeugen sie , dass die Verheißung „des neuen Himmels und der neuen Erde“ gilt und lebendig ist.

Keine verantwortliche Tat, kein Schritt, der auf Veränderung ungerechter Verhältnisse gerichtet ist und Hoffnung erweckt, soll vergeblich sein. Auch das tröstende Wort, das wir für Trauernde finden, oder das liebevolle und dankbare Gedenken derer, die von uns gegangen sind, sind kleine Rinnsale oder Bäche des Lebens und der Hoffnung. Sie vereinen sich und münden ein in den großen Strom der göttlichen Verheißung:

„Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen! Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das was ich schaffen will.“

Amen.