Hinaus aus dem Lager! – Predigt zum Sonntag Judika am 17.03.02. über Hebräer 13, 12 –14 in Emmaus u. Paul –Gerhardt, Whbg.
Der Hebräerbrief deutet das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz als ein Leiden und Sterben vor dem „Lager“. Denn der Hügel Gogatha, die Schädelstätte , auf der Jesus gekreuzigt wurde, lag vor den Toren Jerusalems. Und dieses „außerhalb der Stadt“ bedeutet soviel wie „außerhalb der Gesellschaft“. Mit der Kreuzigung vor dem Tor wird Jesus nicht nur getötet, sondern gleichzeitig aus der Gemeinschaft der Menschen, zu der er gehörte, ausgeschlossen –ausgestoßen. Er stirbt den Tod eines Verachteten, eines Staatsfeindes , eines Gotteslästerers und damit eines Feindes der Gesellschaft.
So wie Jesus mit seinen Taten und Worten immer wieder für Menschen eingetreten war, die als „Sünder“ oder Aussätzige außerhalb der Gemeinschaft der Frommen, Rechtschaffenen und Gesunden lebten, so stirbt er auch - in übertragnem Sinne - an der Seite der Ausgestoßenen, an der Seite derer, die zu allen Zeiten als Feinde der Gesellschaft ausgestoßen und hingerichtet oder von den Hütern der Religion als Gotteslästerer oder Ketzer verurteilt wurden und werden.
Was bedeutet auf diesem Hintergrund die Aufforderung unseres
Textes: „Lasst uns nun hinausgehen zu ihm aus dem Lager und seine Schmach
tragen“?
Das Lager, wie es der Hebräerbrief versteht, ist die Gemeinschaft der Gleichgesinnten, der gemeinsamen Werte, Tradition und Überzeugungen, die Gemeinschaft in der wir uns wohl und beheimatet fühlen. Das Gegenüber zum eigenen Lager sind Menschen , die anders leben und denken als wir, die uns fremd sind. Und aus diesem Gegenüber kann sehr schnell - z.B. in Krisenzeiten, die den Zusammenhalt gefährden, ein Feindbild werden. Die Fremden werden zu Feinden erklärt, gegen die es sich zu schützen oder zu wehren gilt.
- Hier im „Lager“ die Guten- dort außerhalb die Bösen, gegen die wir uns zu schützen haben;
- hier die Gläubigen dort die Ungläubigen, die es zu bekämpfen oder zu vernichten gilt.
In diesem Jahr ist eine Wanderausstellung zu sehen, in der dokumentiert wird, wie Kirchengemeinden in der Zeit des 3. Reiches mit jüdischen Gemeindegliedern umgegangen sind. Es wird gezeigt, wie damals unsere Kirche und Gemeinden den sog. Arierparagraphen auch auf Christen jüdischer Herkunft anwandten. Es sind erschütternde Dokumente dafür, wie sich unsere Kirche damals der Rassenideologie anpasste und sich zum Werkzeug der Judenverfolgung machen ließ. Es sind Dokumente dafür, wie man damals das Gegenteil von dem tat, wozu uns der Hebräertext herausfordert. Das „Lager“ zu verlassen, hätte bedeutet, sich an die Seite derer zu stellen, die aus der damaligen Volksgemeinschaft ausgeschlossen und verfemt wurden. Statt dessen haben Kirchengemeinden und die offizielle Kirche dazu beigetragen , das „Lager“ zu schließen und die Christen jüdischer Herkunft auszustoßen, die nach damaliger Ideologie zu den Feinden der Gesellschaft gezählt wurden. Nur ganz wenige , mutige Pastoren und Gemeindeglieder gab es, die dieses Lagerdenken nicht mitmachten, die auf eigenes Risiko und unter großen Gefahren, Juden Zuflucht gewährten oder ihnen zur Flucht verhalfen.
An ihrem Beispiel wird deutlich, was es heißen kann , das eigene „Lager“ zu verlassen und in der Nachfolge Jesu sich Menschen zuzuwenden, die außerhalb unserer Gemeinschaft oder Gesellschaft leben.
Auch heute bildet sich in unserer Weltgesellschaft ein Lagerdenken heraus. Nach den Terroranschlägen in New York am 11. September des vergangenen Jahres geraten bestimmte Staaten, die im Verdacht stehen, Terrorristen aufzunehmen oder die westliche Welt mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen in die Position der Feinde unserer westlichen Lebenswelt. Die Gefahr besteht, dass islamische Gruppen in unserem land oder in unserer Stadt ebenfalls der Unterstützung des Terrorismus bezichtigt werden und damit in der öffentlichen Meinung ins Abseits geraten und die Vorurteile , die ohnehin gegenüber der Religion des Islam bestehen, zusätzliche Nahrung bekommen.
Anders als in der zeit des 3. Reiches versuchen Christen und Kirchengemeinden heute, ein Stück weit das eigene Lager zu verlassen, wenn sie sich um den Dialog mit dem uns immer noch so fremden Islam bemühen. Wir riskieren dabei nicht unser Leben . Gleichwohl merken wir, dass wir selber zu Außenseitern werden können, wenn wir nicht in die Vorurteile über Fremde mit einstimmen. Z.B. mit Moslems zu reden , die im Verdacht stehen, einer islamistischen Vereinigungen anzugehören, kann uns den Vorwurf einbringen, blauäugig zu sein oder sich zu nützlichen Idioten solcher Leute machen zu lassen.
Aber um Jesu willen, um seines Friedens willen, ist es dennoch nötig, das eigene „Lager“ zu verlassen. Es ist nötig in dieser Zeit, in der sich die Fronten zu verhärten drohen, das Gespräch zu suchen, Vorurteile abzuwehren und die fremde Religion besser zu verstehen, um dann auch kritisch mit einander reden zu können.
„Lasst uns hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach mit tragen!“ – mit dieser Aufforderung werden wir gefragt, wo für uns dieser Mensch draußen vor dem Tor lebt, an dessen Seite Christus gelitten hat.
- Das können auch Menschen sein, die als sozial Schwache oder „Randständige“ außerhalb unserer Wertmaßstäbe und unseres Lebensstils leben.
- Das kann der Nachbar oder die Nachbarin nebenan sein, - allein, einsam, ohne Kontakte zu anderen Menschen;
- das können alte oder gebrechliche Menschen sein.
Der Schritt aus der eigenen Wohnungstür, um ein paar Worte miteinander zu wechseln, kann dieses „Hinaus aus dem eigenen Lager“ bedeuten. Oder ein Besuch, den wir schon immer vor hatten.
Dieser Schritt aus dem Lager hinaus muss nicht unbedingt bedeuten, eine „Schmach“ mitzutragen. Er kann auch für uns zu einem Gewinn werden. Kontakte zu uns fremden Menschen machen uns reicher. Es kann Freude machen, zu erleben, wie Menschen , die oft durch eine schwere Lebenskrise in das soziale Abseits geraten sind, sich wieder fangen und ihre Kreativität entfalten.
Warum es gut oder nötig ist, das eigene Lager auch verlassen zu können, sich aus der Bequemlichkeit und Geborgenheit der eigenen vier Wände, der Freunde und Gleichgesinnten hinausbegeben, dafür hat der Hebräerbrief eine sehr umfassende Begründung. So heißt es Schluss unseres Textes:
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“
Als Christen sind wir dazu berufen, unterwegs zu bleiben, uns nicht festzusetzen , sonder uns ausrichten zu lassen auf die zukünftige Stadt, auf die zukünftige Gemeinschaft der Menschen, wie Gott sie verheißt. Diese zukünftige Stadt hat keine Mauern, denn sie ist eine offene Stadt , eine Gemeinschaft der verschiedenen Menschen. Sie können miteinander leben, ohne sich gegenseitig abzugrenzen oder auszugrenzen. Sie ist eine Stadt des Friedens.
Wenn wir uns aus unserem jeweiligen Lager ein Stück weit hinausbegeben, machen wir uns auf den Weg zu diesem verheißenen Frieden, und wir werden auf diesem Weg schon jetzt etwas von diesem Frieden für uns erfahren.
Amen.