– Betrachtung zur Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2 , Weihnachten 2001
Das Bild vom Jesuskind in der Krippe stellt ja keine Idylle dar. Es ist ein Bild äußerer Armut und Obdachlosigkeit, ein Bild für die Härte und Friedlosigkeit der Welt.
Maria und Joseph sind unterwegs, um einer Anordnung der römischen Behörde, des Kaisers Augustus (wie es im Text heißt) nachzukommen. Sie müssen ihre Heimatstadt Nazareth verlassen , um sich in Bethlehem , dem ursprünglichen Wohnsitz ihrer Familie, in Steuerlisten eintragen zu lassen. Dieser „Befehl des Kaisers Augustus“ symbolisiert die staatliche Macht und Gewalt, die Menschen auf die Straße schickt ohne Rücksicht z. B. auf schwangere Frauen. Heute lösen staatliche Machtentscheidungen Flüchtlingsströme aus – wie in diesem Jahr in besonderer Weise in Afghanistan. Menschen werden zum Treibgut, ja zum Spielball staatlicher Machtinteressen.
Und entsprechend erbärmlich ist der Ort der Geburt des Kindes, das Maria als ihren ersten Sohn zur Welt bringt. Im neutestamentlichen Text ist nur kurz und knapp von einer Krippe die Rede ,“weil sie keinen Raum in der Herberge fanden“. Ob es ein Stall war, oder nur eine Grotte, steht nicht geschrieben. Schon gar nicht ist von Engeln die Rede, die „hoch oben“ „jauchzend“ über dem Stall „schweben“. Auch Ochs und Esel sind erst später im Laufe der legendarischen Ausgestaltung der biblischen Geschichte dazu gekommen.
Auch die Hirten, die dann zur Krippe finden, werden nicht als „redliche“, fromme Leute dargestellt, die vor der Krippe nieder knien. Man hat sie sich eher als Halbnomaden, als harte Menschen vorzustellen, die von der Stadtbevölkerung gefürchtet, verachtet und gemieden wurden. Sie finden zur Krippe, weil sie in einer Vision die Botschaft des Engels empfangen, der ihnen verkündet, dass ihnen „der Heiland“, der Friedensbringer Gottes, geboren sei. Und das Zeichen dieses Kindes ist, dass es in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt. Die Hirten, nachdem sie das Kind gefunden haben, "breiten die Botschaft aus“, die sie vom Engel gehört haben. Sie werden – wenn man so will- die ersten Verkünder der Weihnachtsbotschaft, wonach der Friede Gottes an einem ungeschützten Ort unter notdürftigsten und erbärmlichen Bedingungen in die Welt hineingeboren wird.
Ob sich diese Geburtsgeschichte wirklich so ereignet hat, ist weniger bedeutsam. Wichtiger ist die Frage, warum die Geschichte so erzählt wird und welche Botschaft sie zum Ausdruck bringt. Man könnte auch fragen: welche Art von Frieden wird hier verkündet, wenn der Engelchor in der Vision der Hirten singt: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“?
Leichter lässt sich sagen, welche Art von Frieden nicht gemeint ist. Es ist kein Friede, der mit Waffengewalt herbeigezwungen oder –gebombt wird. Es ist kein Friede der Satten und Reichen auf Kosten der Armen. Es ist auch kein Friede gemeint, der in einer jenseitigen Welt stattfindet und diese Welt der Ungerechtigkeit und der Gewalt überlässt. Ausdrücklich heißt es „Friede auf Erden“. Er beginnt inmitten der Friedlosigkeit und Ungerechtigkeit dieser Welt, um in dieser Welt zu wachsen und sie zu verändern. Er scheint als Licht in der Finsternis, um sie zu erleuchten, um der Welt „einen neuen Schein“ zu geben, wie es in einem Weihnachtlied heißt.
Es ist ein Friede, der zunächst in einzelnen Menschen beginnt, die – wie die Hirten - für diese Botschaft empfänglich sind.
Er zeigt sich als Güte, dort wo Menschen sich an die Härte des Lebens gewöhnt haben, als Liebe dort, wo eher die Lieblosigkeit und Gewalt den Ton angibt, als Hoffnung dort, wo Menschen verzweifelt oder am Ende sind.
Mir sind in dieser Weihnachtszeit Menschen begegnet, bei denen ich etwas von diesen aufbrechenden Licht meine erfahren zu können. Es sind Helfer und Helferinnen in unserer Wilhelmsburger Tafel. Sie haben sich freiwillig gemeldet, um ehrenamtlich mitzuarbeiten. Sie kommen aus sehr unterschiedlichen Lebenszusammenhängen und haben sehr verschiedene Schicksale hinter sich. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Lebensläufe gebrochen sind, dass sie erfahren haben, was es heißt zu scheitern, in äußerste Not zu geraten, z.T. sogar obdachlos zu sein, abhängig zu werden vom Alkohol oder von anderen Drogen.
Sie nun finden in der Gemeinschaft der Helfer und Helferinnen unserer Tafelarbeit - und jetzt im Deichhaus - einen neuen Halt und eine Geborgenheit. Sie finden eine Möglichkeit, sich zu betätigen und zu engagieren, die ihrem Leben einen neuen Aufschwung und eine neue Hoffnung gibt . Die Härte ihres bisherigen Lebens bringen sie mit , auch die Gier oder den Neid. Aber dennoch, etwas scheint zu wachsen, scheint möglich zu werden an Vertrauen und gegenseitiger Rücksicht. Die Wärme unserer neuen Räume im Deichhaus tun ein übriges, einen Ort des Friedens inmitten aller Gebrochenheit und Friedlosigkeit entstehen zu lassen.
Mir wird im Zusammensein mit diesen Frauen und Männern neu deutlich, dass der weihnachtliche Friede keine Sentimentalität oder Idylle meint, sondern ein Stück Lebenswirklichkeit werden will und kann. Jeder trägt dazu bei. Jeder ist zugleich „Krippe“, in der dieser Friede sich einnistet und aus der heraus er zu leuchten beginnt, und zugleich auch Maria und Joseph, die das Kind behüten, die das Licht des Frieden bewahren, es schützen, damit es nicht zertreten, ausgelöscht wird – im Streit untergeht.
Ich denke, dass dieses „Modell“ des Friedens durchaus auch seine Bedeutung für das Zusammenleben der Völker weltweit hat, und somit das „Friede auf Erden“ gerechtfertigt ist. Trotz und bei aller Gewalt und Bedrohung, trotz und bei allem, was wir gegenwärtig als Terrorismus und Gegenterror erleben, zeigt sich, dass Frieden dort möglich wird, wo Menschen über ihre politischen und religiösen Grenzen hinweg einander zu verstehen suchen und gegenseitiges Vertrauen aufbauen . Der Frieden in Afghanistan wird ja nicht durch das Bombardement der Amerikaner hergestellt, sonder er bedarf der mühseligen Arbeit, Vertrauen zwischen den verfeindeten Völkerschaften aufzubauen und durch Hilfslieferungen der verarmten und ausgepowerten Bevölkerung Hoffnung zu bringen. Und ich hoffe, dass Afghanistan nicht nur ein Beispiel dafür sein wird, wie man eine Terrorgruppe mit Waffengewalt niederzwingt, sondern auch dafür, dass nach allen Trümmern durch veränderte Menschen ein friedlicher Aufbau gelingt, wie wir das nach unserm Krieg in Deutschland und in Europa erlebt haben und erleben.
Die harte Krippe als Ort der Geburt des göttlichen Friedens ist überall: in unserem Deichhaus, wie in Afghanistan, in unseren Familien wie in unseren Nachbarschaften, im Konflikt zwischen verschieden Kulturen wie im Streit zwischen Ehepartnern.
Uns allen gilt die Botschaft des Engels: „Euch ist der Heiland geboren!“ Macht euch auf den Weg, ihr werdet Gottes Frieden in der Krippe eurer harten Welt finden, wenn ihr dem Zeichen seiner Liebe glaubt und folgt.