Ist Gott ungerecht?
Predigt über Römer 9,14. 18.20.21.16 am 27.1.02. in der Kreuzkirche und in St. Raphael Wilhelmsburg
Heute am 27. Januar begehen wir den Holocaust –Gedenktag. Heute vor 57 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz von russischen Truppen befreit. Deshalb werden wir an diesem Tag aufgefordert, der Millionen Juden und anderer Opfer, die in den Konzentrationslagern des NS-Staates umgebracht wurden, zu gedenken . Es ist ein schwieriges quälendes Gedenken, wenn wir uns diese schrecklichen Verbrechen vor Augen zu führen versuchen, die in der Zeit des Nationalsozialismus in deutschem Namen verübt wurden.
Vor allem sind es wohl Fragen, die uns heute in den Sinn kommen:
Wie konnte so etwas geschehen? Wie konnten Menschen so etwas anordnen und ausführen.
Was wollen wir dazu sagen? Ist Gott etwa ungerecht –so fragt der Apostel in unserem Text. Diese Frage, die in einem ganz anderen Zusammenhang gestellt wird, ließe sich auch auf unsere Fragen beziehen. Ist Gott ungerecht ? -, darin ist die Frage nach dem Warum enthalten. Wir bekommen Erfahrungen mit Ungerechtigkeit, mit Verbrechen oder Unglücken nicht zusammen damit, dass wir Gott als den bekennen, der die Welt und uns Menschen liebt.
Deshalb :Wo warst du Gott mit deiner Liebe bei den Menschen in Auschwitz und in den vielen anderen KZ`s?
Warum hast du diese schrecklichen Verbrechen zugelassen?
Immer wieder stellen wir solche Warum –Fragen:
Warum ist die Welt so
ungerecht? Warum leben wir In Europa im Wohlstand und soweit im Frieden und
andere Völker in Not und Elend? Warum
muss das Volk in Afghanistan so leiden? Warum können Palästinenser und Israelis
nicht im Frieden miteinander leben, so wie es uns jetzt in Europa möglich ist?
Warum sind die einen scheinbar gestraft durch korrupte Regierungen oder werden
von grausame gesetzlosen Milizen oder Terrorgruppen gepeinigt und unterdrückt,
und die andern scheinen darin gesegnet zu sein, dass sie sich demokratischer
und rechtstaatlicher Verhältnis erfreuen können?
Oder auf uns als einzelne Menschen bezogen: Warum musste dieser Mensch an meiner Seite so plötzlich sterben, der mir so eng verbunden war?
Warum kann ich mich guter Gesundheit und geordneter Verhältnisse erfreuen und das Leben meines Nachbarn ist durch eine schlimme Krankheit oder durch andere Schicksalsschläge verdüstert? Warum haben meine Kinder das Glück, behütet im Kreis und Schoß ihrer Familie aufzuwachsen, und andere Kinder scheinen damit gestraft, in sehr unsicheren notvollen Verhältnissen aufwachsen zu müssen?
Sind die einen gesegnet und die andern gestraft? Sind die einen erwählt und die andern verworfen?
Der Apostel antwortet auf die Frage, ob Gott etwa ungerecht sei: Das sei ferne!
Und dann folgt eine
Argumentation , die auf dem Hintergrund der vielen entsetzlichen Ereignisse
geradezu zynisch klingt: Gott erbarmt sich wessen er will und verstockt, wen er
will. Gott ist wie ein Töpfer, der Gefäße zu Ehre und zur Unehre schafft,
Gefäße - Menschen oder Völker - , die
er zum Heil und andere , die er zum Verderben bestimmt. Waren die Juden ein von
Gott zum Verderben bestimmtes Volk und wir Deutschen so etwas wie das von Gott
verstockte grausige Werkzeug in der Hand Gottes?
Vielleicht will Paulus mit
dem Bild vom Töpfer vor allem unsere Fragen abwehren. Sie sind Gott gegenüber
unangemessen.
Wer bist du Mensch, dass du mit Gott rechten willst?
Es steht dem Geschöpf nicht zu, seinen Schöpfer danach zu fragen, warum er es so und nicht anders geschaffen hat. Wer sind wir kleinen Menschen mit unserem beschränkten Horizont, dass wir uns sozusagen an die Seite Gottes stellen könnten?
Anders gesagt: die Frage nach dem Warum, die wir sooft stellen, wenn wir mit unseren Antworten am Ende sind oder mit unserem Schicksal hadern, führt in die Irre. Wir geraten an Grenzen unseres Verstehens, unseres Wollens und Könnens.
Und dann gibt uns Paulus die Richtung an, die es zu verfolgen oder der es nachzudenken lohnt: „Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“ .
Wenn das Gedenken an
schreckliche Ereignisse einen Sinn hat, wenn wir fragen, wie wir mit
Schicksalsschlägen umgehen können, die wir nicht verstehen, dann ist es gut,
sich dem Erbarmen Gottes anzuvertrauen, um dabei selber zu barmherzigen
Menschen zu werden.
Vielleicht gehört ja das auch zum Sinn des heutigen Gedenktages, dass wir in der Erinnerung an die große Schuld, die unser Volk unter dem Hitlerregime auf sich geladen hat, uns auch des Erbarmens erinnern, das uns nach dem Krieg widerfahren ist:
-dass wir heute wieder aufgenommen und geachtet sind in der Gemeinschaft der Völker;
- dass unsere Städte wieder aufgebaut sind und wir wie nie zuvor in einer demokratischen Gesellschaft und im Wohlstand leben können.
Unverdient Gutes zu erfahren, dass gilt ja auch für unser persönliches Leben.
Es bringt uns nicht weiter, uns durch Geschehnisse niederdrücken zu lassen, die wir nicht verstehen, sondern es hilft uns weiter, auf das zu blicken, was uns Gutes widerfahren ist und sich nach Möglichkeiten auszustrecken, selber barmherzig zu sein.
Dietrich Bonhoeffer, der selber Opfer des
nationalsozialistischen Terror wurde , hat im Gefängnis ein Glaubensbekenntnis
formuliert: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes
entsehen lassen kann und will. Dazu braucht er Menschen, die sich alle Dinge
zum Besten dienen lassen . Ich glaube das Gott kein zeitloses Schicksal ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und
antwortet.“
Der erbarmende Gott ist kein Töpfer, sondern ein menschlicher Gott. Gott hat uns nicht als stumme Tongefäße , sondern als Menschen geschaffen. Wir können unser Geschick annehmen oder abwehren. Wir haben die Möglichkeit, barmherzig oder hart zu werden, uns Dinge zum Guten oder zum Bösen dienen zu lassen.
Amen!