„Kommt her zu mir alle“ -  Predigt über Mt 11,28-30 am 2.7.00. in St.Raphael, Whbg.

 

Neulich war ein junges Paar bei mir. Sie wollten Geld. Sie seien neu hierher nach Wilhelmsburg zugezogen. Das Sozialamt zahle nicht mehr, da der Antrag auf Arbeitslosengeld bewilligt worden sei. Das Geld vom Arbeitsamt sei aber noch nicht da. So stünden sie nun ohne Geld da und wüssten nicht , wie sie ihre drei Kinder versorgen sollten..

 

1. Gehören sie zu denen, die Jesus in seinem “Heilandsruf“ als die „Mühseligen und Beladenen“ zu sich ruft?  Ich denke schon, dass damit auch gerade die Menschen gemeint sind,  die am Rande unserer auf  wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten Gesellschaft  leben. Aus welchen Gründen auch immer haben sie es nicht geschafft, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Oft sind sie abhängig vom Alkohol oder von Drogen. Es heißt, dass beinahe fünfzig Prozent aller, die hier in diesem Stadtteil leben,  auf Sozial- oder Arbeitslosenhilfe angewiesen sind. Ihr Elend besteht  darin, dass sie sich hängen lassen. Sie fristen ihr Leben ohne sinnvollen Lebensinhalt. Darin vor allem gehören sie zu den „Armen“ unserer Zeit.

Das Gesicht dieser Armut trägt  unterschiedliche Züge. Die Bierdose oder Kornflasche, die nach Gebruch oft achtlos weggeworfen werden und unsern Stadtteil verschandeln gehört ebenso dazu, wie das Halten von Kampfhunden . Es sind Mittel , um die eigene Leere auszufüllen oder vergessen zu machen.  Die Hunde dienen dazu, die eigene innere Unzufriedenheit und Aggression abzureagieren und das Selbstwertgefühl zu heben.  Mit den Hunden verschafft man sich Achtung , erregt Furcht. An ihnen kann man den eigenen Ärger oder Frust abreagieren. Und die Hunde geben an andere Menschen weiter, was sie an Behandlung erfahren.

 

2. Jesus  sagt: „Kommt her zu mir alle , die ihr mühselig und beladen seid!“ .

Die Hilfe, die „Erquickung“, die hier angeboten wird, besteht ja nicht in einer materiellen Zuwendung. Auch wird hier kein Sozialprogramm angeboten oder entworfen.

Sie besteht zunächst schlicht darin, dass sie als Menschen wertgeachtet werden.. „Ihr seid es wert,  eingeladen zu werden. Ihr gehört auch dazu.!“ 

Wenn sich junge Menschen  isolieren und durch ihr Verhalten zu einer Gefahr für unsere Gesellschaft werden, dann hat das in der Regel seine Ursache drin, dass sie vorher selber Abwertung und Herabsetzung erfahren haben. Oft kommen sie aus Familien, die ihnen keinen Rückhalt bot. Sie haben oft den Schulabschluss nicht geschafft. Infolge dessen finden sie auch keine Lehrstelle.  So haben sie die Erfahrung gemacht und machen sie weiterhin, nicht gebraucht und auch nicht geliebt zu werden. 

Mit dem „Heilandruf“  Jesu hingegen, werden wir Menschen  - jeder auf seine Weise – zu wertgeachteten , von Gott geliebten Menschen erklärt.  Und wir können diesen „Heilandsruf“, dieses „Kommet her zu mir alle“ nur so weitergeben, dass wir diese Wertschätzung Jesu, diese Liebe Gottes durch unser eigenes Verhalten weitergeben, auch wenn es manchmal sehr schwer fällt.

 

3. Des weiteren heißt es: „lernet von mir! Nehmt auf euch mein Joch, denn meine Last ist leicht. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“

Das „Joch Jesu“ besteht ja darin, dass er sein Leben nicht für sich gelebt hat, sondern es für andere, für uns Menschen eingesetzt  und hergegeben hat.

Worunter wir alle leiden, was unser aller Leben  schwer und mühselig macht, ist ja die zunehmende Anforderung, sich bewähren und beweisen zu müssen. Jeder sucht für sich den Erfolg und das Vorankommen.  Und die vielen Menschen, die heute auf die Verliererseite geraten,  sind Menschen, die diesen Anforderungen aus welchen Gründen auch immer, nicht gewachsen sind.

Dagegen lädt uns Jesus ein, von seinem Leben zulernen, von ihm zu lernen, dass wir unser Leben leichter und glücklicher führen können, wenn wir es miteinander und füreinander leben. Es gibt gute Beispiel dafür, wie Menschen, die mit ihrem Leben irgendwie gescheitert sind, dadurch wieder aufgefangen werden, dass sie in eine Gemeinschaft hineinkommen, in der sie  füreinander etwas tun können. Ich denke hier z.B. an unsere Wilhelmsburger  Tafel.

Überall, wo wir Gemeinschaft haben und nicht nur für uns den Erfolg oder Gewinn  suchen, geraten wir unter das sanfte „Joch Jesu“. Etwas von seiner Liebe, seiner Leichtigkeit und Freude zieht in unser Leben ein.

 

4. Unsere Zeitungen waren oder sind in diesen Tagen voll davon, dass aufgrund des Unglücksfalls , bei dem der Junge, Volkan,  von zwei Hunden todgebissen wurde, nun schärfre Gesetze gegen solche Hunde her müssen.  Unterschriftenlisten liegen aus, auf denen wir uns der Forderung nach einem Verbot solcher Hunde anschließen können.

Ich bin auch dafür, dass die Gesetze hier verschärft werden sollten und die Züchtung solcher  „Kampfmaschinen“ verboten wird. Aber das Problem wird damit ja nicht aus der Welt geschafft. Das Problem sind letztlich nicht die Hunde, sondern die Menschen, die sie so abrichten, dass sie Menschen anfallen. Das Problem liegt darin, dass Menschen es nötig haben,  ihr Selbstbewusstsein durch das Halten solcher Hunde aufzubauen, dass sie sich isoliert und als Verlierer in dieser Gesellschaft sehen und empfinden.

Wenn wir dem Heilandsruf Jesu folgen wollen, dann sollten wir diese jungen Leute nicht zusätzlich ausgrenzen und stigmatisieren . Wir sollten uns dafür einsetzen , dass unsere Gesellschaft insgesamt menschlicher wird, dass junge Menschen keine Kampfhunde brauchen, sondern über eine sinnvolle Beschäftigung hineingenommen werden in unsere Gesellschaft . Wer für schärfere Gesetze gegen Kampfhunde ist, sollte ebenso für mehr Ausbildungsplätze  sein, damit junge Leute nicht auf der Straße herumhängen.

 

Und nicht zuletzt sind wir Christen gefragt, wieweit wir als Gemeinde oder  in unseren Lebensgemeinschaften  dem Worte Jesu  einen Lebensraum  geben, in dem sich andere, die es nötig haben,  eingeladen und angenommen  wissen.

     Amen.