Pfingsten – das Fest des Geistes, der lebendig macht. (Johannes 16,7.13-14)
Zu Pfingsten, einem ursprünglich jüdischen Fest, empfangen die Jünger den „heiligen Geist“- so wird es uns in der Apostelgeschichte erzählt.
Eine verängstigte zurückgezogene Jüngerschar empfängt die Gabe, öffentlich die Wahrheit Jesu Christi zu bezeugen. Sie treten aus ihrem verschlossenen Raum und ihrer inneren Verschlossenheit heraus. Mit „feurigen Zungen“ und bewegten Herzen vermögen sie frei und öffentlich von Gott und Jesus Christus zu reden.
Aus dem oben angegebene Text des Johannes-Evangeliums können wir entnehmen, unter welchen Voraussetzungen der Geist wirkt, bzw. Menschen ergreift.
Jesus verabschiedet sich hier von seinen Jüngern. Er wird sterben, er wird nicht mehr bei ihnen sein. Aber, es wird gut sein, dass er von ihnen geht. Denn nur so können sie den Geist Jesu empfangen. „Wenn ich nicht weggehe, kommt der Geist nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden“.
Wie ist das zu verstehen? Die Jünger müssen sich von der ihnen bekannten und vertrauten Gestalt Jesu verabschieden, um eigenständige Zeugen seiner Wahrheit zu werden.
Hat sie bisher die Gegenwart und Autorität Jesu geleitet, werden sie nun aus eigenen Erkenntnis und Erfahrung reden können – nicht auswendig gelernt, nicht ängstlich darauf bedacht, ihren Meister wortgetreu widerzugeben. So empfangen sie den Geist , dass sie nun – nachdem ihnen der lebende Jesus genommen ist, eigene Worte finden und sagen können, um die Wahrheit Jesu Christi in ihrer Lebenssituation zu bezeugen .
Somit stellt uns dieser Text vor die Frage: wovon müssen wir uns heute verabschieden, um lebendige Christen zu werden?
Die Gestalt Jesu ist uns in bestimmten Bildern und Glaubensformeln überliefert. Sie verlieren für viele ihre Kraft. Sie entschwinden uns zunehmend. Kirchliche Traditionen , in denen früher Viele noch selbstverständlich aufgewachsen sind, haben kaum noch Gültigkeit. Gilt möglicherweise auch in dieser Hinsicht. „Es ist gut, dass ich fortgehe“? Es ist gut, sich von Altem verabschieden zu müssen, es ist gut durch Zweifel und Unsicherheiten hindurch zu müssen, damit aus dem toten Buchstaben der Überlieferung wieder eine lebendige Wahrheit wird.? Kann nur so kann der Geist Jesu uns erneuern und unseren Glauben lebendig machen?
„Wenn der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch in alle Wahrheit leiten“ – heißt es dann weiter im Text.
Der Geist „wird“ uns leiten. D.h. was es vom Glauben her zu sagen gibt , wird sich erweisen . Die jeweiligen Situation wird es mit sich bringen. Die Wahrheit Jesu Christi wird antworten auf Fragen und Herausforderungen, vor die wir gestellt werden. Und die können ja sehr verschieden sein.
Die Wahrheit Jesu Christi stellt sich mir in den Weg, wenn ich sehe, dass Menschen in meiner Umgebung wegen ihrer Herkunft verachtet oder herabgesetzt werden.
Sie lässt mich erkennen, dass vom Gebot der Liebe her jeder Mensch seine Würde und seinen Wert hat. Sie fordert mich auf, dafür einzutreten und mich dafür einzusetzen, dass diese Leibe geschieht und nicht nur ein frommes Wort bleibt.
Oder die Wahrheit Jesu Christi erfahre ich als tröstende Gewissheit, wenn mir mein Leben zweifelhaft wird. Die Dinge verändern sich. Die Kräfte lassen nach. Tätigkeiten, die bisher mein Leben ausfüllten, verlieren ihren Sinn. Die Grenzen meiner Gesundheit und Kraft werden mir schmerzhaft bewusst. Hier ist es gut und heilsam, den Christus vor Augen zu haben, dessen Kraft in der Schwachheit zur Vollendung kam. Es ist tröstlich zu hören , dass Gott in der Gestalt Jesu Christi das neue Leben aus dem Sterben heraufführt. Es ist gut zu glauben, dass mich der Geist Jesu befähigt, Schwierigkeiten und Anfechtungen auszuhalten und darin stark zu werden.
So weist uns der Geist Jesu in die Zukunft. Gegen alle Schwarzmalerei , gegen alle Angst spricht er uns zu, dass unsere Zukunft – das neue Jahr, das neue Jahrhundert eine Zeit seines Geistes sein wird. Auch in Zukunft wird gelten. „Sein Geist wird uns in alle Wahrheit leiten“.
Es lohnt sich, darin mitzuwirken, dass wir selbst und unsere Kinder einer lebenswerten Zukunft entgegengehen. Denn sie wird der Liebe und Gerechtigkeit Christi gehören.
In diesem Sinne wünsche ich allen, die dies lesen, ein frohes Pfingstfest, d.h. dass sie etwas von der erneuernden und ermunternden Kraft des Geistes Jesu erfahren.
Amen.