Predigt über Johannes 8,3-11 am 8.7.01./4.n.Trin. in Kirchdorf

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ –„ Ich verdamme dich nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

 

Die Quintessenz dieser Geschichte, wie Jesu eine Frau davor bewahrt, wegen Ehebruch gesteinigt zu werden, könnte man mit unserem Sprichwort zusammenfassen: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!“

Ist uns, wenn wir dieses Sprichwort benutzen, bewusst, welch eine grausame –archaische Strafe ursprünglich dahinter stand? Wegen Ehebruch wurden Frauen gesteinigt – von Männern – solange, bis sie tot zusammenbrachen.  Bis heute gibt es diese Strafe nach islamischem Recht z.B. im Iran und in Afghanistan.

 

Wenn wir als Deutsche und Europäer für so eine Rechtspraxis kein Verständnis mehr haben, es uns graust, wenn wir darüber Berichte in der Zeitung lesen, und auch wenn  Ehebruch bei uns kein Vergehen ist, das strafrechtlich verfolgt wird, dennoch – so könnte man sagen - gibt es die Steinigung in übertragenem Sinne auch bei uns. Böse Worte, üble Nachrede, Vorurteile gegenüber Menschen, die anders leben oder sich nicht an Regeln halten, die wir selbst für wichtig erachten, könne solche „Steine“ sein, die wir auf andere Menschen werfen. Auch sie können verletzen, können Menschen in die Verzweiflung treiben.

Wir erleben es im öffentlichen Leben, wie die Frage der ehelichen Untreue höchste Aufmerksamkeit findet – wie z.B. der vorherige Präsident der Vereinigten Staaten wegen seiner außerehelichen Beziehung beinahe sein Amt verloren hätte. Wenn man gegenüber dem politischen Gegner mit sachlichen Argumenten nichts ausrichten kann, sucht man nach schwarzen Flecken auf seiner Weste oder nach Jugendsünden in der Vergangenheit, um ihn zu diskreditieren. (Joschka Fischer). Aber vermutlich kennen wir das auch aus unseren Kreisen, wie groß der Reiz ist, sich über das moralische  Fehlverhalten  anderer Leute auszulassen.

 

Jesus – so unsere Geschichte – beteiligt sich demonstrativ nicht am Steine werfen, ja er verhindert die Steinigung der Frau, in dem er ihren Richtern den Spiegel vorhält: „wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Im Evangelium des heutigen Sonntags  sagt es Jesus so: Was kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders, wenn du selber einen Balken in deinem Auge hast?  In diesem Sinne hat der frühere Bundespräsident Heinemann allen, die so gerne schnell verurteilen oder vorverurteilen  entgegengehalten: „Wer mit seinem Zeigefinger auf andere Leute zeigt, der sollte sich klarmachen, dass drei Finger seiner eigenen Hand  auf ihn selbst weisen“.

Erstaunlicher Weise gehen die Richter der Frau in sich. Sie erkennen , dass sie in ihrer Ereiferung über die Sünde dieser  Frau selber nicht frei von ehebrecherischen Gedanken oder Phantasien sind. Ob diese Worte Jesu auch bei uns solche Einsicht hervorrufen würden?

Ist es so, dass die Erkenntnis eigener Fehler oder eigener Schuld uns barmherzig macht gegenüber den Fehlern und der Schuld anderer Menschen, die anderen vergeben können?  Was heißt das überhaupt, jemandem vergeben?

 

Wenn Jesus in unserer Geschichte die Frau nicht verurteilt, sondern ihr ihre Sünde vergibt, bagatellisiert er den Ehebruch der Frau ja nicht, heißt ihn nicht gut. Ausdrücklich sagt er der Frau am Schluss: „Ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“  Also, es geht schon darum, dass der Ehebruch der Frau eine Sünde oder Schuld ist. Heute würden wir da etwas anders ausdrücken.  Wir würden vielleicht drauf hinweisen, was der Ehebruch anrichten kann, welche Wunden oder Verletzungen er beim Partner anrichten kann, den man betrügt oder hintergeht, wie sehr Kinder die Leidtragenden sind, wenn eine Ehe zerbricht.

Oder wenn ich hier in Wilhelmsburg so viele Männer oft im besten Alter mit  der Bierdose in der Hand herumsitzen oder –stehen sehe, kann ich das nicht gut finden. Wie können Menschen ihr Leben so verschleudern und ruinieren?

Wie gehen wir mit solchen „Sünden“ um? Es gibt verschiedene Möglichkeiten:

-         Wir können darüber hinwegsehen. Es ist zwar schlimm oder ärgerlich, aber was geht uns das Leben anderer Leute an? 

-         Wir können uns über diese Leute den Mund zerreißen, könnten sagen: wir bemühen uns um Arbeit und ein anständiges Leben und diese Leute leben so einfach in den Tag hinein.  Wir bewerfen sie mit „Steinen“, in dem wir sie als arbeitsscheu und als Nichtstuer abstempeln und verurteilen. Aber was wissen wir über ihr Leben, darüber welche Umstände sie dahin gebracht haben, so zu leben?

Im Sinne Jesu Menschen zu vergeben, hieße wohl, sie zunächst als Menschen anzunehmen, ihnen zuzuhören und auch gegen Vorurteile in Schutz zu nehmen, so wie Jesus dieser Frau zugehört uns sie in Schutz genommen hat. Damit aber verbunden wären Versuche, Hilfsangebote, Menschen aus ihrem nichtsnutzigen und selbstzerstörerischen Leben herauszuhelfen, ihnen zu helfen, ihr Leben zu ändern. In unserer Gesellschaft gibt es eine Vielzahl solcher Versuche und Angebote: Therapien für Alkohol- oder Suchtkranke, Eheberatungsstellen, Familienbildung und Familienberatung. Es gibt sie auch im Bereich unserer Kirche, und es gibt Gemeindeinitiativen, die sich solcher Menschen annehmen. Manche mögen denken: Lohnt es, für solche Leute soviel Geld auszugeben? Sollte man nicht irgendwie kürzeren Prozess machen und härter durchgreifen?

Aber dann hören wir wieder Jesu Wort: „wer unter euch ohne Sünde ist....“ Wer von uns hat es bei aller Rechtschaffenheit nicht auch nötig, die vergebende Hilfe anderer Menschen  zu erfahren? Und wenn wir selbst solche Hilf vielleicht nicht  brauchen, dann haben wir möglicherweise ein eigenes Kind  oder Enkel, dem wir solche vergebende Hilfe dringend wünschen.

Wo immer wir uns um einen einzelnen Menschen bemühen, tragen wir dazu bei, dass Gottes Barmherzigkeit sich ausbreitet und nicht nur ein schönes Wort bleibt.

Amen.