Werde ein Licht! - Besinnung zum 1.Advent über Jesaja 60,1

 

Mit der Adventszeit beginnt wieder die Zeit der Kerzen und Lichter. Nicht nur die Kerzen  am Adventskranz  sollen das Dunkel der Jahreszeit mit ihrem Glanz erhellen , sondern  Lichterketten  oder aufblinkende Leuchtstoffröhren in den Fenstern sollen adventlichen  Glanz auch nach außen hin verbreiten.

Ein schöner Brauch! Er geht zurück auf die Adventsbotschaft der Bibel: Gott kommt als Licht für die Menschen und Völker. „Mache dich auf, werde Licht, den dein Licht kommt, und die Herrlichkeit Gottes geht auf über dir!“ – so heißt es am Anfang des 60.Kapitels im Propheten Jesaja. Wir werden hier allerdings nicht aufgefordert, Lichter anzuzünden, sondern selber „licht“ oder “ein Licht“ zu werden.

 

In  einem Theaterstück, dass ich vor einiger Zeit sah, wird die Geschichte einer junge Frau erzählt. Sie hat sich vorgenommen, „ein Glanz“ (ein Licht?) zu werden. „Ich will ein Glanz werden ! Wissen Sie was das ist, ein Glanz sein zu wollen?“ – Es wird bald deutlich, was sich die junge Frau darunter vorstellt. Sie möchte heraus aus der Ärmlichkeit und dem Dunkel ihres bisherigen Lebens. Ihre Mutter ist Garderobenfrau in einem Provinztheater. Oft hat die Tochter ihrer Mutter zugesehen, wie sie die vornehme Garderobe der Besucher entgegennimmt. Ab und zu darf sie mit in den Theaterraum hinein, und dann erlebt sie den Glanz der Bühne, den Glanz der Schauspielerinnen. Da möchte sie auch hin, stellt sich vor, selber eine umjubelte berühmte Schauspielerin zu sein. Dann will sie auch so schicke Pelze tragen, wie sie ihre Mutter an der Garderobe oft entgegen nimmt.

Im weiteren Verlauf des Theaterstückes wird erzählt, wie die junge Frau vorgeht, um ihrem Traum vom Glanz näher zu kommen. Sie tut es mit List und einer Portion Rücksichtslosigkeit. Aus der Garderobe , die ihre Mutter zu betreuen hat, lässt sie einen wertvollen Pelz mitgehen, um die Aufmerksamkeit und das Gefallen des Regisseurs auf sich zu ziehen, von dem sie hofft, entdeckt zu werden. Als der Diebstahl herauskommt, flüchtet sie nach Berlin, um hier in der großen „Glitzerstadt“ ihr Glück zu versuchen. Aber sie scheitert. Ihr Traum vom großen Glanz zerbricht . Sie landet als Prostituierte in einer billigen Absteige.

Am Ende des Stückes wird dargestellt, wie die junge Frau einen Mann kennen lernt, der sie liebt, so wie sie ist. Und nun erkennt sie, dass ihr Traum vom Glanz falsch war und sie in die Irre geführt hat.  Sie ist kein „Glanz“ nach ihrer Vorstellung geworden.  Dafür hat sie eine anderen „Glanz“ erfahren – von einem Menschen geliebt zu werden und selber lieben zu können.

 

Ein  Glanz sein zu wollen, einmal ganz groß herauszukommen, ist vermutlich der Traum vieler- besonders junger Menschen. Im Fernsehen oder in den Illustrierten wird uns täglich dieser Glanz  der Reichen und Glücklichen, der Erfolgreichen  im Showbusiness oder Sport vor Augen geführt. Beobachter unserer Gesellschaft stellen fest,  dass wie zu keiner Zeit vorher Menschen danach trachten,  ihrem Leben äußeren Glanz zu verleihen, in dem sie - wie auch immer - , die Aufmerksamkeit der anderen und nach Möglichkeit die Blitzlichter der Presse oder die Scheinwerfer der Bühne auf sich lenken.

 

Was hat das alles mit Advent und dem Adventslicht zu tun?

Es hat damit zu tun,  weil in der Adventsbotschaft von einem anderen Glanz oder Licht die Rede ist.  „Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt!“  Dieses Licht meint nicht den eigenen Ruhm , nicht das Erfolgserlebnis des eigenen Egotrips, sondern meint das Licht der Hoffnung, das Menschen für einander  sein können. Jeder Mensch trägt eigentlich dieses Licht in sich. Jeder Mensch  hat die Möglichkeit durch ein Stück Zuwendung  und Liebe für einen anderen Menschen so etwas wie ein Licht zu sein. Sind wir als Eltern ein „Licht“ für  unsere Kinder, als Mitarbeiter oder Vorgesetzte für unsere Kollegen, als Ehemann für unsere Frau und umgekehrt?  Oder geht von uns eher das Gegenteil aus : Düsternis, Resignation, Missmut, Gleichgültigkeit?  Vermutlich steckt beides in uns: die Dunkelheit und das Licht. Mal gelingt es uns, unser Licht hervorleuchten zu lassen, mal lassen wir uns von der Düsternis, dem Zorn oder Ärger überwältigen.

 

„Mache dich, werde Licht, denn dein Licht kommt“ – diese Botschaft stimmt uns ein auf Weihnachten, auf das Kommen Gottes in der Gestalt  eines Kindes in der Krippe.

Gott kommt nicht glanzvoll, nicht mit den Zeichen äußerer Pracht und Herrlichkeit, sondern unscheinbar unter den Zeichen äußerer Armut und  Niedrigkeit.

Ich denke,  dass dieses paradoxe Zeichen von Gottes Glanz etwas Ermutigendes und Aufrichtendes hat. Wir müssen uns nicht mit allen Kräften oder aller Raffinesse herausstellen, um ein „Glanz“ zu sein, sondern wir können uns annehmen gerade auch mit unserer Dürftigkeit und äußeren Glanzlosigkeit. Wir sind auch nicht am Ende, wenn uns unsere eigene Düsternis  überkommt, sondern können unserem Licht wieder eine Chance geben,

so wie Gott dem unscheinbaren Licht des Kindes in der Krippe seine Chance gibt.

Ob wir einander Licht oder Dunkelheit sind, hängt wohl auch immer davon ab, welchen Glauben oder welches Vertrauen wir haben. In dem Maße , in dem wir  dem vertrauen, dass Gott „über uns aufgeht“ ,d.h. auch in unser eigenes Leben gekommen ist und immer wieder komme  will, in  diesen oft dürftigen „Stall“, werden wir die Freiheit und die Kraft gewinnen, unser eigenes Licht leuchten zu lassen.

Amen.