Predigt über Mk 2,23-28 am 21./28.10.01 in St. Johannis, Harburg und St. Raphael, Whbg.
Da gehen Menschen durch ein Kornfeld und klauben sich Körner aus den reifen Ähren, um ihren Hunger zu stillen. Sie tun das am Sabbat, am geheiligten Feiertag, an dem eigentlich jede Arbeit verboten ist.
Dass dieses Ährenausraufen am Sabbat zum Streit mit frommen gesetzestreuen Leuten führt, wäre in unserem land und in unserer Zeit kaum vorstellbar.
Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass der Sonntag als Ruhetag kaum noch als geheiligter Tag wahrgenommen wird, sondern weitgehend den Bedürfnissen der Menschen untergeordnet ist. „Der Feiertag ist für den Menschen da“ das könnte für viele den Sinn haben: man sollte eigentlich niemandem vorschreiben, was er an diesem Tag zu tun oder zu lassen hat.
Aber in dem Maße, in dem wir heute die Feiertagsordnung auflösen, wird der Sonntag immer mehr ein Tag wie jeder andere. Er gerät unter den Druck des Konsums, der Geschäfte und der Arbeitswelt. Und wenn es nicht der Beruf oder das Geschäft ist, dann sind es die Freizeitaktivitäten, die den Sonntag als Ruhetag aushöhlen.
Das Wort Jesu: „der Sonntag ist für den Menschen geschaffen“ hätte heute nicht so sehr den Sinn, dass es dem Menschen erlaubt sein muss, auch am Sonntag seinen Hunger zu stillen oder andere lebensnotwendige Arbeiten zu leisten, sondern müsste zunächst vom ursprünglichen Sinn des Feiertags verstanden werden:
Der Sonntag ist uns gegeben, damit unser Menschsein nicht darin aufgeht, beschäftigt oder in Aktion zu sein. Das Leben ist mehr als die Arbeit oder das Vergnügen. Zum Leben gehört die Besinnung, das innerliche zur Ruhekommen. Es dient und nützt letztlich unserem Menschsein oder unserer Menschlichkeit, einen Tag in der Woche zu haben, der dem Druck der Geschäfte und der Arbeit entnommen ist und an dem wir Zeit für Gott, für uns selbst und für die Menschen haben, die uns nahe sind. Insofern setzen sich unsere Kirchen dafür ein, dass der Feiertag durch staatliche Gesetze geschützt wird.
In unserem Text aber richten sich die Worte Jesu: „der
Feiertag ist für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den
Feiertag“, gegen eine andere Gefahr:
Aus der guten Gabe Gottes, die den Menschen vor der Versklavung durch die
Arbeit schützen soll, ist ein drückendes menschenfeindliches Gesetzt geworden,
das Menschen Buchstabe für Buchstabe zu erfüllen haben.
Bis heute gilt der Sabbat orthodoxen Juden als Feiertag, an dem bis ins einzelne vorgeschrieben ist, was an dem Tag verboten oder erlaubt ist. Wer gegen dieses Sabbatgesetz verstößt, gilt als ungläubig, stellt sich außerhalb der Religion oder wird als Feind des wahren Glaubens bekämpft.
Wir erleben solche Gesetzlichkeit heute weltweit als Fundamentalismus.
Es geht dabei nicht nur um die Feiertagsheiligung, sondern um religiöse Gesetze oder Vorschriften schlechthin – im Judentum, im Islam oder im Christentum. Im Namen Gottes werden Menschen Vorschriften auferlegt, die ihr Leben nicht nur regeln , sondern einengen, die jede Freude oder Freiheit verbieten.
Mit der Befolgung dieser Gesetze werden Menschen in Gute und Böse aufgeteilt. Die Gläubigen werden aufgefordert , die Ungläubigen zu bekämpfen oder gar zu töten. Unzählige Millionen von Menschen sind im Laufe der Geschichte so einem fanatischen Fundamentalismus zu Opfer gefallen, durch fundamentalistische Juden, Christen und Moslems. Der Glaube an Gott, der die Menschen zueinander führen soll, wird zu einer Waffe, mit der sich Menschen bekriegen und umbringen. Das Gebot der Liebe wird verkehrt in den Hass gegen anders Denkende und anders Glaubende.
Ein bekanntes Nachrichtenmagazin hat dieser Tage einen ausführlichen Artikel mit der Überschrift „Der religiöse Wahn“ gebracht. Eine kurzgefasste Geschichte des Fundamentalismus wird hier geboten, wie im Judentum, Christentum und Islam zu bestimmten Zeiten der Geschichte im Namen Gottes Kriege geführt wurden und Menschen oft in grausamster Weise umgebracht wurden. U.a. wird darin auch auf fundamentalistische Tendenzen im Christentum unserer Tage, in Amerika z.B. aber auch in Deutschland hingewiesen. Z.B. gibt es religiöse Gruppen, die sich in besonderer Weise dem Schutz des ungeborenen Lebens verpflichtet wissen, dieses Anliegen aber so verfolgen, dass sie militant bis hin zu Morddrohungen gegen Kliniken und Ärzte vorgehen, die den Schwangerschaftsabbruch zulassen oder vornehmen. Ein im Grunde berechtigtes Anliegen, dass auch das ungeborene Leben von Gott geschenktes und gewolltes Leben ist, wird in ein Gesetz verkehrt, das keine Ausnahme zulässt und diejenigen mit dem Tod begroht, die sich diesem Gesetzt nicht unterordnen.
Dazu wird bemerkt, dass solche fundamentalistischen Gruppen starken Zulauf haben. Womit mag das zusammenhängen?
Möglich und wahrscheinlich, dass hier eine starke Sehnsucht nach Eindeutigkeit und Sicherheit einer festen vorgegebenen Ordnung zum Ausdruck kommt.
So verschieden sich der Fundamentalismus darbietet, in einer Hinsicht aber sei allen Ausprägungen dies gemeinsam: die Ablehnung der modernen Gesellschaft, in der diese Eindeutigkeit und Sicherheit einer vorgegebenen Ordnung nicht mehr gegeben ist. Wir können uns nicht mehr einfach auf bewährte Regeln berufen, können nicht einfach sagen: dies ist gut, das ist böse - dies ist richtig oder falsch. Wie kompliziert ist die Frage z.B. der Genforschung – was ist hier erlaubt, was ist verboten? Wer soll das entscheiden? Wie gehen wir um mit fremden Religionen? Welchen Wert messen wir der Ehe bei oder anderen Möglichkeiten der Partnerschaft? Wie stehen wir zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft? Nach welchen Rgeln oder Werten sollen wir unsere Kinder erziehen?
Alles dies sind Fragen, auf die viele Menschen einfache oder eindeutige Anworten erwarten und wohl auch erwarten, dass die Kirche hier eindeutig Stellung bezieht. Aber es gibt diese eindeutigen einfachen Antworten nicht.
Was heißt das : „für den Menschen“? Was dient dem Menschen? Wie erkennen wir, was Gott von uns will und wie kommen wir dazu, etwas in seinem Namen zu tun oder zu sagen?
Wenn Jesus sagt, dass der Sabbat – die Religion – um des Menschen willen gegeben ist und nicht umgekehrt, dann mutet er uns die Freiheit der eigenen Beurteilung und Entscheidung zu. Mit seinem Leben und Sterben hat er uns ein Grundgebot hinterlassen, wonach das Wesen und der Wille Gottes die Liebe ist. Die Liebe tut und wünscht dem anderen nichts Böses. Sie eifert nicht. Sie bläht sich nicht auf. Sie übt keine Gewalt, sondern sucht den Frieden. Alle Gebote und religiösen Regeln sind vom Geist dieser Liebe her auszulegen und zu beurteilen.
Amen.