„Wo war Gott?“ – Predigt über Jer 20,7-11 am 18.3.01.in Kirchdorf
„Wo war Gott?“ – Mit dieser Schlagzeile hat die Bildzeitung die Berichterstattung über den Fund der Leiche des Mädchens Ulrike und über die Erkenntnis, dass das Mädchen vom Täter missbraucht und ermordet worden ist, eingeleitet. Möglicherweise spricht diese Schlagzeile vielen aus dem Herzen . Denn mit ihr könnte die Anfechtung des Glaubens an Gott zum Ausdruck gebracht sein „Warum schweigst du, Gott, zu solchen Taten? – „Warum hilfst du nicht?“ „Wo blieb dein Schutz für das Mädchen Ulrike?“ Die Schlagzeile könnte aber auch den Sinn haben, den Glauben an Gott ad absurdum zu führen: „Wenn solche Taten passieren können, kann es keinen Gott geben – kann ich an keinen Gott glauben!“
Nicht erst seit dem Verbrechen an Ulrike- , ja solange es Menschen gibt und solange Menschen an Gott glauben, geschehen schreckliche Verbrechen, geschieht Unrecht und Gewalt. Und immer wieder stellt sich diese Frage, wo Gott ist, wenn Menschen Unrecht und Gewalt erleiden, wenn unsere Welt sogar nicht danach aussieht, dass Gott „alles so herrlich regieret“, wie es in dem schönen Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Erden“ heißt.
Der Predigtext für den heutigen Sonntag bringt die Anfechtung und Klage des Propheten Jeremia zum Ausdruck . Es ist nicht die Klage über die Abwesenheit und Verborgenheit Gottes. Nicht darüber klagt der Prophet, dass Gott zum Unrecht schweigt. Sondern darüber klagt der Prophet, dass Gott ihn überwältigt hat, dass er im Namen Gottes schreien muss: „Frevel und Gewalt“.
Wo ist Gott? Gott ist dort, wo es gilt, das Unrecht beim Namen zu nennen. Gott ist dort, wo die Armen unterdrückt werden, wo die Mächtigen ihre Macht missbrauchen und die Wahrheit zur Lüge verdrehen. Gott ist die Stimme im Leben des Jeremia, die in zwingt, sich der Gewalt der Mächtigen und ihrer Lüge entgegenzustellen und dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen. Denn indem Jeremia der Stimme Gottes folgt, macht er sich seine Mitmenschen zu Feinden. Sie wollen ihn verklagen. Sie lauern ihm auf, ob er nicht falle. Sie suchen nach Mitteln und Wegen, sich an ihm zu rächen. Aber Jeremia kann dieser Gegenwart Gottes in seinem Leben nicht ausweichen. Gott hat sich ihm aufgedrängt, hat ihn „überredet“, ist ihm „zu stark geworden“. Immer dann wenn er Gott aus seinem Leben ausschalten will – nicht mehr an ihn denken und nicht mehr von ihm reden will – wird es in seinem Herzen „wie ein brennendes Feuer“ –so dass er es nicht ertragen kann.
Immer wieder bis heute gibt es Menschen, die sich kompromisslos dieser Wahrheit des Rechts und der Gerechtigkeit Gottes zur Verfügung stellen und dabei in Kauf nehmen, verfolgt, eingesperrt zu werden und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen. Denken wir an Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, der im Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit vielen anderen sein Leben einsetzte, an Martin Luther King, der in den USA für die Gleichberechtigung der Schwarzen gekämpft hat, oder an Nelson Mandela, der in Südafrika gegen das Unrecht der Rassentrennung kämpfte (um einige sehr bekannte Namen zu nennen). Ebenso gibt es in Lateinamerika, in China und anderen Staaten Asiens Menschenrechtskämpfer, Christen oder Nichtchristen, die sich der Macht und Gewalt ihrer Staatsregime entgegenstellen. Es gibt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die unermüdlich auf die Verletzung von Menschenrechten überall in der Welt hinweist und für Menschen eintritt, die wegen ihres Einsatzes für das Recht im Gefängnis sitzen und gefoltert werden.
Warum machen diese Menschen das? Ich denke, ähnlich wie Jeremia folgen sie einer inneren Stimme. Sie können nicht anders : sie müssen das Unrecht beim Namen nennen und ihr Leben einsetzen, damit unterdrückte Menschen zu ihrem Recht kommen – damit Gottes Gerechtigkeit geschieht. Dort ist oder war Gott – in diesen Menschen. Durch sie wird der Gewalt und Menschenverachtung die Gerechtigkeit und der Friede Gottes entgegengesetzt.
Gehören auch wir zu diesen Menschen, die Gott sich als Werkzeuge seines Friedens und seiner Gerechtigkeit ausgewählt hat? Menschen, wie der Prophet Jeremia mögen uns als Vorbilder einige Nummern zu groß sein. Aber diese Stimme Gottes, die Stimme seiner Gerechtigkeit , kennen wir die auch? Was empfinden wir, wenn Menschen in unserer Nähe gedemütigt oder gar misshandelt werden? Würden wir zustimmen oder gar mitmachen, oder wissen wir, dass hier Unrecht geschieht, dem wir entgegentreten müssten? Wie ist uns zumute, wenn Menschen herabgesetzt werden, wenn über Alte, Behinderte oder Ausländer Witze gerissen werden? Lachen wir mit, oder bleibt uns das Lachen im Halse stecken? Die Stimme Gottes mag in unserem Leben nicht so überwältigend sein, wie bei Jeremia, aber sie regt sich in unserem Gewissen, in unserem Bewusstsein für Recht und Unrecht. Können, wollen wir ihr folgen, oder versuchen wir sie zum Schweigen zu bringen?
Da gibt es ja auch die anderen Stimmen in unserem Leben: die Stimme unserer Angst z.B., die uns vor Unannehmlichkeiten warnt. Oder die Stimme unseres Glücksverlangens, die uns einlädt, das Leben zu genießen, es von der leichten Seite zu nehmen. Wozu sich um Probleme anderer kümmern? Warum sich das Leben unnötig schwer machen? Aber werden wir wirklich glücklich, wenn wir Gottes Stimme zum Schweigen bringen? Werden wir glücklich, wenn wir wegsehen , uns ducken oder mit den Wölfen heulen?
In der Woche der Brüderlichkeit, die vor 14 Tagen mit einem feierlichen Akt im Bremer Rathaus eröffnet wurde, ist die Initiative „Schule ohne Rassismus“ gewürdigt und mit einem Preis ausgezeichnet worden. Über vierzig Schulen haben sich inzwischen dieser Initiative angeschlossen und haben diesen Titel „Schule ohne Rassismus“ erworben . Bedingung für den Erwerb dieses Titels ist, dass mindestens zwei Drittel alle Schüler, Lehrkräfte und Mitarbeiter das Anliegen, eine Schule ohne Rassismus zu sein, d.h. mit Menschen anderer Herkunft und Rasse ohne Vorurteile zusammenleben zu wollen, unterschreiben. Diese Initiative ist von Schülern selbst ausgegangen. Sie zeigt, dass sich im Grunde jeder im Sinne der Gerechtigkeit für alle Menschen engagieren und einsetzen kann. Man muss dazu kein Jeremia oder Dietrich Bonhoeffer sein. Sie zeigt auch, dass dieses Engagement durchaus fröhlich und mit Lebenslust geschehen kann, dass Menschen an so einer Aufgabe wachsen und Stärke gewinnen. Die Schüler auf der Feierstunde in Bremen haben vorgeschlagen, es möge nicht nur Schulen ohne Rassismus geben, sondern auch Altenkreise, Parteien oder (ich füge hinzu) warum nicht auch Kirchengemeinden. Und gut wäre, es gäbe diese Initiative auch bei uns hier in Wilhelmsburg, in einem Stadtteil mit dem höchsten Grad an Ausländerfeindlichkeit in Hamburg, wie jetzt durch eine Untersuchung festgestellt wurde.
In unserem Text heißt es zum Schluss: „Aber der Herr ist mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.“ Jeremia macht die Erfahrung, dass Gottes Gegenwart in seinem Leben ihm nicht nur die Last der Wahrheit auferlegt, sondern ihm auch Kraft verleiht. In dem Maße, indem er sich auf Gottes Wort einlässt, gewinnt er eine Stärke, die letztlich stärker ist als die Macht seiner Verfolger und eine Freiheit , die ihn unabhängig macht von den Mächtigen seiner Zeit.. Auch wir können solche Erfahrung machen, dass Gott uns Stärke und Kraft schenkt, wenn wir uns auf seine unbequeme Wahrheit einlassen.
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Amen.