Ziehet an die Liebe. Sie ist das Band der Vollkommenheit.
Predigt zum Muttertag über Kolosser 3,12-15 .
Neulich
war meine Frau 14 Tage verreist und ich war mit meinen Kindern allein zu Haus.
Die Dinge des Haushalts ließen sich regeln - u.a. durch die Mithilfe meiner
Kinder. Aber die Blumen auf dem Tisch, für die meine Frau immer sorgt,
verwelkten und keiner dachte daran, neue zu besorgen. Auch die Gespräche am
Tisch wurden karger. Kurzum es fehlte etwas an Atmosphäre, an Freundlichkeit,
Fürsorge und Liebe.
Wenn
Männer ihren Ehefrauen oder Kinder ihren Müttern am Muttertag Blumen schenken,
dann ist das zunächst ein schöner Brauch. Damit verbindet sich aber sicherlich
auch ein Dank oder eine Besinnung auf das, was wir den Müttern oder unseren
Frauen in besonderer Weise verdanken:
Während
wir Männer oft wortkarg und abweisend sind, geht von unseren Frauen eher
Freundlichkeit und Herzlichkeit aus.
Während
Väter eher dazu neigen, auf die Leistung ihrer Kinder zu sehen und sie manchmal
unnachgiebig einfordern, haben Mütter eher Geduld mit den Schwächen ihrer
Kinder und sehen darauf, daß auch das schwächere Kind zu seinem Recht kommt.
Während
Väter oft im Zorn ihre Kinder strafen, wenn sie den Anweisungen des Vaters
nicht folgen, stehen die Mütter eher für die Nachsicht, für eine Liebe, die das
Kind auch dann liebt, wenn es sich falsch verhält oder verläuft.
Und
während wir Männer dazu neigen, mit Ehrgeiz und manchmal auch Egoismus unsere
Ziele zu verfolgen, sind es eher die Frauen, die ihre eigenen Wünsche und
Bedürfnisse um der Familie willen zurückstellen.
Sie
sind in unserer auf Leistung hin orientierten Gesellschaft - wenn man es so
sagen kann, eher "zuständig" für Fürsorge, Wärme und Liebe.
In
unserem Text aus dem Kolosserbrief ermahnt der Apostel die christliche Gemeinde
– er nennt sie die „Auserwählten Gottes“-
zu Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Wir sollen einander ertragen
und einander vergeben, wie Christus uns vergeben hat. Wir sollen die Liebe
„anziehen“, denn sie ist das Band der Vollkommenheit.
Verhaltensweisen
werden hier genannt, derer wir uns dankbar erinnern, wenn wir am Muttertag
unserer Mütter und Ehefrauen gedenken. Nur, sie werden hier als
Verhaltensweisen beschrieben, die nicht nur für Mütter oder Frauen, sondern für
Christen insgesamt gelten sollten. Und wir brauchen diese "Tugenden"
nicht nur in unseren Familien. Sondern unserer Gesellschaft insgesamt braucht
sie, wenn es in ihr menschlich zugehen soll.
In
einer Gesellschaft, die sich immer stärker durch Härte und Konkurrenz
auszeichnet, in der Menschen, die nicht so leistungsstark sind, an den Rand
gedrängt werden, ist es gut und notwendig, daß wir die Tugend der
Barmherzigkeit, der Geduld und Sanftmut wieder neu zu Ehren bringen.
In
einer Gesellschaft, in der Menschen so schnell über einander urteilen und einander
mit Vorurteilen das Leben schwer machen, ist es gut, wenn Menschen da sind, die
ihre Mitmenschen in ihrer Andersartigkeit ertragen oder ihnen ihr Anderssein
„vergeben“ können.
Die
Liebe, die hier das „Band der Vollkommenheit“ genannt wird, ist nicht sosehr als Gefühl der Zuneigung zu
verstehen, sondern als Fähigkeit, sich zu öffnen, sich in die Lage des andern,
der anders lebt als ich, hineinversetzen zu können. Sie ist die Kraft, das Böse
nicht mit Bösem, Gleiches nicht mit Gleichem zu vergelten, sondern Böses durch
das Gute, die bessere Lösung, zu überwinden.
Als
„Auserwählte Gottes“, als „Heilige und Geliebte“ werden wir Christen
angesprochen. Der Apostel will damit sagen,
woher wir komme , bzw. wohin wir gehören, wenn wir uns Christen nennen. Wir
gehören zu Gott. Wir haben Teil an dem erneuerten Leben, das mit Jesus Christus
in die Welt gekommen ist.
Wo
immer wir etwas von dieser Liebe , dem „Band der Vollkommenheit“ weitergeben
können, wo wir uns als freundlich, barmherzig, geduldig und sanftmütig erweisen
können, geben wir die Liebe weiter, mit der Gott uns Menschen liebt. Wir
erweisen, das Christus auch in unserer Welt lebendig ist.
Amen.